Heiligbrunnkapelle Mariazell

Jahr
2009–2011
Ort
Filialkirche der Basilika Mariazell
Auftraggeber
Benediktinersuperiorat Mariazell
Auftrag
Befundung und Restaurierung des Altares und der Außenkapelle
Team
Dr. Heidelinde Fell, Mag. Gundula Reiner, Mag. Barbara Schönhart

An Stelle eines traditionellen Restaurierberichtes, hier einige persönliche Gedanken anlässlich des Rücktransportes der zentralen Marienfigur nach Mariazell am 2.7.2011.

 

Madonna im Lift

Am kommenden Montag fährt sie nun zum ersten Mal mit einem Lift. Hätte sie sich wohl nie gedacht, dass sie das einmal erleben wird. Aber was hat sie nicht schon alles gesehen und erlebt, was sie nie hätte erahnen können? Zumindest hunderttausende trostsuchende Pilger, sorgenbeladene Wallfahrer, Dankende, Kranke, Zweifelnde, erschöpfte Radfahrer, quengelnde Kinder und geschwätzige Touristen sind unter ihrem sanften Lächeln vorbeigezogen. Viele bezogen den Segen des auf ihrem Schoss stehenden, kleinen nackten Knaben auf sich.

Im Alter von 550 Jahren hat sie ihre vermutlich erste große Reise unternommen. In einem finsteren Verschlag eines Autos ist sie nach Graz gereist und hat dort zwei Jahre in einem Kreis von geschäftigen Frauen verbracht. Meist wurde sie ignoriert, aber hier und da haben die Frauen mit feinen Pinseln, spitzen Skalpellen und brennendheißen Spachteln an ihrer Haut herumgetan. Hier und da ist mal ein Passant auf der Straße stehen geblieben und hat sie betrachtet. Manche begannen – nicht wissend dass im Inneren des Geschäftes alles mitgehört wurde – zu fachsimpeln und meinten mit Expertengehabe, dass das sicher eine Fälschung sei, das erkennen sie sofort. Andere bekreuzigten sich verschämt auf der roten Laufbahn der Jakoministraße. Da ein großes Bild in der Auslage zu Seite geräumt und sie noch besser sichtbar wurde, war ihre Wirkung so groß, dass Menschen die in der Straßenbahn durch die Straße fuhren auf sie aufmerksam wurden und JournalistInnen und FotografInnen vorbeischickten. Zwar haben durch die Feuchtigkeit in den letzten zwei-, dreihundert Jahren in der Heiligbrunnkapelle und den Ruß der Kerzen von fünfhundert Jahren ihre Kleidung und ihr Antlitz gelitten und lassen dick verpackende, sieben Schichten von Farbe ihre ursprüngliche Zartheit kaum mehr erahnen, aber immer noch hat sie die erhabene Würde einer schönen Alten.

Wenn sie nun am Montag in dem alten klapprigen Transportbus eines Kollegen wieder nach Mariazell kommt, sieht sie vermutlich das Kirchenschiff der Basilika Mariazell zum ersten Mal von oben, von der Westempore aus. Aber vielleicht kommt ihr ja das gotische Gewölbe noch bekannt vor? Möglicherweise hat sie in diesem Gebäude die ersten Jahrhunderte ihres langen Daseins und Wirkens verbracht. Auf welcher Werkbank sie wohl entstanden ist, von welchen Menschen und wo? Wie mag diese Werkstatt um 1460 wohl ausgesehen haben? Sie hat Reformation und Gegenreformation, Pest, Feuer, josephinische Reformen, napoleonische Belagerung und Weltkriege erlebt. Sicher wurde die überlebensgroße Figur da aber auch beschützt und vielleicht auch manchmal versteckt. Von einer Generation wurde sie zur nächsten weitergegeben. Wir wissen so wenig.

Dipl. Restauratorin



Atelier für:

Restaurierung von Gemälden, Tafelbildern,
gefassten Holzskulpturen, Zierrahmen und Vergoldungen

Konservatorische Gutachten und Befundungen, Objektmontage und Ausstellungsaufbau

Ausstellungsgestaltung, Museumsgestaltung, künstlerische Installationen
RESTAURIERUNGEN KUNSTPROJEKTE AUSSTELLUNGSGESTALTUNG RESTAURIERUNGEN